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Vegan. Ein Selbstversuch

Kochen ohne Knochen. Grillen ohne Killen.

nobilis Esslust hat einen Streifzug durch das vegane Hannover gemacht. Fakten rund um die vegane Bewegung, Restauranttipps, Rezepte und Erkenntnisse.

Rinderwahn und Vogelgrippe, Schweinepest und Fischinfarkt – wer da noch unbeschwert ins Schnitzel beißt, liest zumindest keine Zeitung. Oder er weiß genau, wo und wie sein Schnitzel aufgezogen wurde. Auch wenn sich immer mehr immer besser informieren, Deutschland ist nach wie vor der Schlachthof Europas: 630 Millionen Hühner, 60 Millionen Schweine, 38 Millionen Puten, 4 Millionen Rinder kamen im letzten Jahr unters Messer. Tendenz steigend. Durch Massentierhaltung und Akkord-Schlachtung wird Fleisch billiger – und schlechter. Da liegt immer auch eine gute Portion schlechtes Gewissen mit auf dem Teller.

Vegan nobilis Esslust Foto: Christian Wyrwa

Foto: Christian Wyrwa

Keiner schlachtet billiger.

Die Fleischproduktion in Deutschland und der Export in andere Länder steigern sich jährlich, unser Fleischkonsum hingegen sinkt. Rund 60 Kilogramm essen wir durchschnittlich im Jahr und stehen damit auf Platz 20 unter den Nationen. Auch noch zu viel, meinen Ernährungswissenschaftler, die nicht mehr als 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche empfehlen. Rund 7 Millionen deutsche Vegetarier verzichten sogar ganz aufs Fleisch. 1 Million Veganer auch auf alle anderen tierischen Produkte. Keine Eier, keine Butter, keinen Honig. Und auch die meisten Weine scheiden aus – sie werden mit der getrockneten Schwimmblase von Stören geklärt.
Ohnehin scheint, wer streng vegan leben möchte, Meister der Selbstbeschränkung zu sein. Zumindest vermitteln das jene Prinzipienreiter, die den Veganismus zur Ersatzreligion erhoben haben. Von ihnen stammen lange Litaneien in den einschlägigen Internet-Blogs, wonach Blut an den Händen hat, wer Lederschuhe an den Füßen hat. „Meide Seide“ rufen Sie Krawattenträgern zu. Und mein Wollpullover? Strengstens verboten! Der Vorsitzende der Veganen Gesellschaft Deutschlands, Christian Vagedes, teilt die Welt gar in „Veganer und Noch-Nicht Veganer“. Wie die meisten Religionen hat also auch diese ihre Missionare.

Einfach ein gutes Körpergefühl.

Da passt Mehtap, meine Weggefährtin für den veganen Selbstversuch, überhaupt nicht ins Raster. Die junge, engagierte und beruflich erfolgreiche Managerin betreibt nebenbei einen Internet-Handel für vegane Snacks. Sie schüttelt nur den Kopf, wenn sie die Parolen des „Tierbefreier e.V.“ hört. Für sie ist die vegane Ernährung wichtig für ihr körperliches Wohlbefinden, so wie sonst der Sport. Keine Spur von Religion – auch wenn sie zu den Anhängern des Szene-Gurus Attila Hildmann gehört. Seine Kochbücher („Vegan for fun“) gehen weg wie geschnittenes Vollkornbrot. Und dennoch stand er deutlich in der Kritik der Gemeinde, als er sich zu seinen Marken-Sneakers aus Leder bekannte. Der Veganismus frisst seine Kinder.

Ein Streifzug durch Hannover.

Mit Mehtap mache ich einen Streifzug durch das vegane Hannover. Gleich mehrere Restaurants bieten rein vegane Karten an. Dabei strahlt die Bastion des organisierten Veganismus, das Cafe Gleichklang in der Marienstrasse, eher den Charme einer Pilgerfahrt ins kulinarische Nirwana aus. Hier geht es nur ums Prinzip. Deutschlands ältestes vegetarisches Restaurant, das Hiller, hat nun auch komplett auf vegan umgestellt. Ich habe es bereits in einer früheren Ausgabe besprochen. Mein Favorit unter den Überzeugungstätern bleibt allerdings Carrots & Coffee am Wedekindplatz. Hier kommt auch der Genuss zu seinem Recht.

Der Genuss in Restaurants macht Appetit auf einen Selbstversuch in der eigenen Küche. Wie leicht fällt es, auf die unverzichtbare Butter zu verzichten? Was kaufe ich ein? Für unser Dreigang-Menü sind die Zutaten erstaunlich schnell im Korb. Unser altbekannter Supermarkt hat sogar eine eigene Abteilung für vegane Produkte, die ich bisher nie wahrgenommen habe. Bei einigen der sogenannten Alternativ-Produkte empfiehlt sich das auch weiterhin nicht. Gleichsam Selbstaufgabe der veganen Idee werden sie allein als Ersatz für Fleisch & Co präsentiert: „Soja-Rinderfilet in Stücken“, „Veggie-Putenschnitzel“ oder „veganes Lachsfilet am Stück“, „Curry-Vurst“ und „V-Salami“ – wie wenig Selbstbewusstsein muss eine Idee haben, wenn sie sich nur im Etikettenschwindel eine Chance erhofft. Ich habe einige der Produkte probiert und empfehle Ihnen, sich die Enttäuschung zu ersparen. Es lohnt sich, die vegane Küche zu erproben, gerade weil man isst, was sie ist. Und um wie viel spannender ist es, neue Produkte kennenzulernen. Probieren Sie einmal Kokosblütenzucker und Cashew-Creme.

Süße vegane Momente.

Unser Dreigang-Menü aus frischen Gemüsen, Linsen und Süßkartoffeln lässt nichts vermissen. Ganz im Gegenteil bringt es neue Aufmerksamkeit für Zutaten, die zu Unrecht meist nur Beilage sind. Im Dessert verkoste ich eine ganze Reihe der Snacks, die Mehtap und ihre Partnerin Caren in ihrem Online-Shop vegangeeks.de anbieten. Vegane Schokolade, knusprige getrocknete Äpfel, Nussmischungen mit Überraschungseffekt. Das macht Spaß und wird mich sicherlich in zukünftigen Snackmomenten begleiten. Genau wie die Erkenntnis, dass es manches hinter den Fleischbergen zu entdecken gibt.

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