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Ein Plädoyer für saisonale und regionale Produkte

Alles zu seiner Zeit

Foto Christian Wyrwa

Herbstzeit ist Erntezeit. Als kulinarische Weltenbürger müssen wir uns allerdings nicht mehr von den heimischen Bauern vorschreiben lassen, was auf den Teller kommt. Wir essen Litschi, Karambola und Cherimoya. Aber wie sah noch einmal rote Beete aus? Ein Plädoyer für saisonale und regionale Produkte.

Auf den Bauernmärkten ist im Spätherbst die schönste Zeit des Jahres angebrochen. Frische Salate, rotbäckige Äpfel und Birnen, glänzender Rotkohl, knackige Möhren und kunterbunte Kürbisse. Ein Paradies. Für den, der die Produkte noch kennt. Bei einem Test in Schulen wussten gerade einmal sechs von einhundert Kindern, was rote Beete ist. Viele sortierten das aromatische Gemüse bei den Kartoffeln ein.

Entfremdete Verbraucher

Einige Schüler behaupteten felsenfest, Kühe würden H-Milch geben. 10 Prozent von ihnen waren überzeugt, dass eine Henne täglich mehr als sechs Eier legt. Kein Wunder, denn als kulinarische Weltbürger haben wir im wahrsten Sinne des Wortes die Bodenhaftung verloren. Im Supermarkt kaufen wir Kiwis aus Neuseeland, Karambola aus Südafrika und Litschi aus Asien. Und selbst Frühlingszwiebeln, Erdbeeren, Paprika und Tomaten kommen aus den entferntesten Winkeln der Welt. Wunderbar anzusehen und immer verfügbar. Der ganzjährig gedeckte Tisch ist nur noch eine Frage der Logistiker, nicht mehr die der heimischen Bauern. Unterglasanbau, schnelle Transportmittel und ausgefeilte Lagertechnik bringen alles immer überall. „Fast Food“ kommt mit 900 Stundenkilometern aus Indien und Peru, aus Israel und Afrika. Die meisten unserer Nahrungsmittel haben weit mehr vom Globus gesehen als wir selbst.

40 Prozent unseres Gemüses kommt aus Deutschland

Gut 10 Prozent unserer Früchte kommen noch aus Deutschland. Bei Gemüse sind es immerhin 40 Prozent. Keine Frage: Exotische Gemüse und unaussprechliche Obstsorten haben unsere Küche bereichert. Aber brauchen wir wirklich im Herbst Spargel aus Peru? Dessen Umweltbilanz sieht gar nicht gut aus: 1 Kilogramm verursacht durch den Flugtransport rund 28mal mehr CO2 als einheimischer. Und immerhin gibt es gerade frische Schwarzwurzeln um die Ecke. Vermutlich kennt die aber keiner mehr.

Unser Gemüse kennt den Globus

Die weltweite Erzeugung unserer Nahrungsmittel macht viele Produkte für viele verfügbar und erschwinglich. Aber sie führt auch zu einer Angleichung des Speiseplans. Wenn es immer dasselbe Angebot gibt, essen wir auch immer dasselbe. Der vermeintliche Reichtum führt zur Verarmung der Küche. Wenn es immer Erdbeeren gibt, sind sie auch nichts Besonderes mehr. Und vor allem sind die internationalen Norm-Erdbeeren nicht mehr das, was wir unter den erdigsüßen Rotfrüchten unserer Kindertage in Erinnerung behalten haben. Heute liegen sie einzeln sortiert in schwarzen Styropor-Verpackungen, schmecken säuerlich und sind nach wenigen Stunden ohne Kühlung dahin. Daraus können Sie keine Marmelade mehr machen. Aber die kauft man ja heute ohnehin aus dem Glas.

Zurück an den heimischen Herd

Zum Glück liegt die Rückkehr der internationalen Esser an den heimischen Herd voll im Trend. Viele entdecken die wunderbaren Geschmackserlebnisse wieder, die ein Gang über den heimischen Markt bringen kann. Die Ziegenkäse-Manufaktur um die Ecke, der Bauer mit Straßenverkauf, der Imker, die Forellen-Räucherei – bei ihnen zu kaufen, fördert die regionale Landwirtschaft und erhält unsere kulinarische Identität. Bei all den großen Theorien geht es eigentlich nur um eins – es schmeckt einfach besser.

Bei einem Lebensmittel sind wir Selbstversorger: Grünkohl

Es gibt übrigens ein Lebensmittel, bei denen wir Deutsche absolute Selbstversorger sind: Grünkohl. Dass es ihn nicht auf dem internationalen Markt zu kaufen gibt, kann aber auch an etwas anderem liegen. Vermutlich füttern andere Nationen vornehmlich ihre Kaninchen damit.

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